Dingen ein Etikett geben

Neulich räume ich das Kinderzimmer auf. Da liegen allerhand Barfuss-unfreundliches Spielzeug und zerknüddelte Klamotten, bekritzeltes Papier und alte Schrauben herum. Also sortiere ich.

Ich lege die noch frische Wäsche in den Kleiderschrank, das Lego auf die Decke, die dann in eine Kiste kommt. Und dann kommt die neue Carrera-Bahn auch noch in die Kiste. Dafür müssen dann aber die Holzklötze da raus. In einer Tüte stehen sie nun an der Kinderzimmertür. Und ich gebe der Tüte in Gedanken das Etikett Holzklötze. Denn die sind ja da drin. Nachher kommen sie in den Keller, mal sehen, in welche Spielzeugkiste sie passen.

Dann wären da noch Puzzles. Ach, die hat der Junge doch schon ewig nicht mehr angefasst. Die haben noch nicht mal mehr ihre Packungen, sind in Plastiktütchen mit Gummis verschnürt. Ab in den Keller damit. Und jetzt erstmal — in die Tüte, die da an der Tür steht. Das ist ja die Spielzeug-Tüte, etikettiere ich im Kopf. Soll ja alles in den Keller. Dort rechts vorne sind die Kindersachen. Das ist leicht dort einsortiert.

Weiter aufräumen. Pfeil und Bogen werden wieder aufgehängt, und dann noch die fünf T-Shirts in den Kleiderschrank. Die passen aber nicht mehr rein — zu voll. Also sechs zu kleine T-Shirts aussortiert, und mit in die Tüte an der Tür gelegt, die Kindersachen-Tüte, merke ich mir. Kindersachen, die kommen in die rechte Keller-Ecke, so ungefähr.

Dann kommen noch Wintersachen dazu, vom Kind und von Frau, und schon ist die Tüte zur Keller-Tüte degradiert, soll ja alles in den Keller.

Später werde ich sie in den Keller tragen, vorne abstellen, und dort dann wochenlang stehen lassen. Und irgendwann ziehe ich die Augenbrauen hoch, während ich die Tüte wieder in die Hände nehme. Was zum Henker habe ich da noch mal hineingelegt? Wenn sie nur ein Etikett hätte.

Entropie des Labellings

Mich interessiert dabei nicht die Tatsache, dass jemandes Keller zumüllt. Warum ich es schreibe, ist mein Interesse im Etikettieren.

Zum einen, dass wir Dingen ad-hoc einen Sinn geben, z.B. auf Grund ihres Inhalts (was ist die Tüte, anhand ihres Inhalts), und dass wir diesen Sinn laufend und ad-hoc ändern, wenn sich der Inhalt ändert.

Und zum andern, wie aus Ordnung langsam aber stetig Chaos wird, wenn wir Gefässe füllen. Dabei wird die Etikettierung immer generischer, und somit nichtssagender. Zunächst war es die Holzklötze-Tüte, am Ende einfach ein Gefäss für den Transport in eine Location (den Keller). Und dies passiert ständig und stetig in Informationssystemen, die laufend genutzt werden. Sektionen in Intranets heissen zunächst Formulare für die Jahresabrechnung, dann Formulare, dann Downloads, und schliesslich Dokumentation.


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2015-06-18

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