Die Simplexifizierung des Webs

2010-11-18

Die Welt der Technik, scheint mir, folgt einem Evolutionspfad, dem Pfad der Simplexität. Autos und Betriebssysteme zum Beispiel sind in der Simplexität schon angekommen. Und wie steht es um das Web? Wo in der Entwicklung sind wir heute?

Das Web als Maschine

Wir waren einer der ersten Jahrgänge mit einem Informatik-Kurs in der Schule. Und es gab einiges zu entdecken, schließlich war das Web noch ein kleines Baby und wollte erforscht werden! So reichten uns die Informatikstunden schnell nicht mehr aus und wir gründeten die Internet Arbeitsgemeinschaft (AG). Dort zeigte uns der Lehrer nicht nur, wie man "im Web surft", sondern wir legten selbst Hand an. Ja, auch wir haben die erste Schulhomepage mit [Frontpage] gebaut. Der unsägliche Code, der dabei rauskam, trieb uns dazu, selbst [HTML] zu lernen. Ich werde nicht vergessen, wie Tilman, zwei Stufen unter mir, uns in die Geheimnisse dieser Sprache einführte. "Das ist ein A-Tag, damit setzt man einen Link." Magische Momente waren das. Und noch magischer, als die ersten Seiten selbst geschrieben und in der großen weiten Welt namens World Wide Web publiziert waren. Geschraubt haben wir, und getuned. Und waren stolz auf unsere Internet-Fahrzeuge wir Oscar.

Das Web als Nutzgerät

Nach der kurzen, turbulenten Zeit der Dot-Com-Blase kamen die Jahre des nützlichen, aber kaum Spaß machenden Webs. Hinkende Formulare ausfüllen, dröge Navigationen durchstöbern. Das war nicht so schlimm wie diese stylischen Microsites, die man sich einmal anguckte und nie mehr wiederkam, weil sie außer dem Wow-Effekt keinen Nutzen haben. Amazon hat überlebt, E-Bay, Google - weil sie Nutzen hatten, nicht wegen ihrer Ästhetik. Mehr und mehr Services kamen ins Web. Ticket buchen bei der Bahn und der Billig-Airline. Bei Otto bestellen. Kinokarten reservieren. Alles nicht so pralle, aber irgendwie hat es funktioniert.

Und ein ähnliches Gefühl war es, das Web zu machen. Mit schwachen Standards und fehlerhafter Software glich das Programmieren einem Mienenfeld eher als einem festen Fundament.

Das Web als Wohlfühlprodukt?

Vieles funktioniert heute. Man kann einen Flug buchen, eine Bahnfahrkarte kaufen, seinen Strom ummelden oder die Öffnungszeiten des Lebensmittelladens von nebenan nachschauen. Doch so richtig Spaß macht das Web nur vereinzelt. Zeit Online kann man neuerdings sehr angenehm auch auf einem Tablet lesen. Mit Google Streetview eine neue Stadtgegend zu erkunden macht Spaß. Überhaupt arbeitet Google daran, das Nutzererlebnis möglichst angenehm und übergreifend zu machen. Aber wenn man ein wenig in die Tiefen des Webs hineinschaut, vergeht das Vergnügen. Kaputte Informationsarchitektur, schwer lesbare Texte, miese Eingabemasken und unverständliche Prozesse.

Es gibt noch viel zu tun

  • Wenn unsere Mütter eine Fahrkarte lieber online kaufen als am Bahnsteig,
  • Wenn unsere Tanten lieber online shoppen als bei QVC,
  • Wenn unsere Onkel lieber online Autostaus nachgucken als per Radio,
  • Wenn unsere Großväter lieber online den Arzttermin vereinbaren als telefonisch,
  • Wenn unsere Großmütter lieber online eine Zeitung lesen als auf Papier,
  • Und wenn im Alltag das Web als Barriere verschwindet und trivial, alltäglich wird ...

Dann haben wir UX-Designer das gröbste unserer Arbeit getan. Bis dahin haben wir noch einen steinigen Weg vor uns. Und dann können wir alle uns immer noch aussuchen, was wir lieber wollen: eine Sache online oder auf anderem Wege erledigen. Aber das wird dann eine richtige Wahl sein, ohne einen dumpfen Schmerz beim Gedanken an das Web.

Es gibt noch viel zu tun für uns User Experience Designer.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.