Die Simplexifizierung des Betriebssystems

Die Welt der Technik, scheint mir, folgt einem Evolutionspfad, dem Pfad der Simplexität. Das ist nicht nur bei Autos so, sondern auch bei Computer-Betriebssystemen, wie dieses zweite Beispiel zeigt.

Das Betriebssystem als Maschine

Mit 12 hatte ich meinen ersten PC. Ich habe die Zeiten der C64 nicht mehr mitgekriegt, meiner war ein 486er mit 4 MB Arbeitsspeicher. Und trotzdem war es ein ungehobeltes Stück Holz, denn auf ihm lief das Betriebssystem [MS DOS]. Die ersten Wochen wusste ich nichts damit anzufangen. Nach dem Start (Booten) war der Bildschirm schwarz mit ein paar Zeilen Text und einem blinkenden, zur Interaktion wenig einladenden Curser. Aber ein Freund gab mir eine Einführung ins MS DOS, und schon wenig später hatte ich meinen Spaß daran, darauf Spiele laufen zu lassen. Spiele spielen war eins, aber sie mussten auf der Kiste auch laufen. So lernte man seine "Maschine" in seinen hintersten Ecken, damit die größte Leistung aus der Kiste kam. Erinnert sich jemand an command.com und exec.bat? Ich weiß noch, was für ein Glücksgefühl mich durchströmte, als ich die Startkonfiguration so hinkriegte, dass ich SimCity 2000 darauf laufen ließ (4MB RAM, wie Ressourcen fressend war dieses Spiel!).

Und ich lernte programmieren: Damals waren Spiele schon mehrere Disketten groß, und wollte ich die Spiele meiner Kumpels haben, so musste ich sie irgendwie von einem Rechner auf den anderen kriegen. Zuerst lernte ich, wie man mit schlanken Pack-Programmen à la [ARJ] die Spiele auf Disketten packt und entpackt. Doch darauf hatten meine Kumpels keine Lust, und so schrieb ich kleine Programme im DOS, die automatisch die Spiele von Freunden auf meine Disketten zogen, und meine Spiele installierten. Die Eingabe-Dialoge, in welches Verzeichnis das Spiel entpackt wird - das waren meine ersten Interfaces. Nach und nach baute ich auch Rechner für Mathe oder das Wer-ist-mit-Tafelwischen-dran-Programm. Rechner waren zum hacken da, zum schrauben und ausprobieren. Wir kannten sie in- und auswendig.

Das Betriebssystem als Nutzgerät

Windows kam auf und in meinen Rechner. Windows 3.11 zuerst. Ich stellte aber nicht viel damit an, denn ich sah noch keinen Sinn in Office-Programmen. Und ich verstand so gut wie nichts von der Technologie von Windows. Es fraß nur meinen Arbeitsspeicher. Dann kam mit dem nächsten Rechner das Windows 95. Die anfängliche Euphorie verwandelte sich in eine recht gleichgültige Beziehung zwischen mir und Windows. Ich fing nämlich an, Windows-Programme nützlich zu finden, und die liefen nun mal auf Windows. Windows und ich, wir waren Nachbarn. Ich bin OK, Du bist OK. Ab und zu musste ich richtig kotzen, nämlich immer dann, wieder irgendwas dauernd abstürzte. Ich hatte keine Ahnung mehr vom Betriebssystem, ich nutzte es nur. Ich probierte an irgendwelchen ini-Dateien rumzuschrauben, doch mit wenig Erfolg. Wenn es kaputt ging, installierte ich alles vom Neuen. So ging es bis ins Studium hinein.

Das Betriebssystem als Wohlfühlprodukt

Der Hochschulwechsel nach Dänemark brachte es mit sich, dass ich dort auf Macs umstieg. Die Hochschule hatte einen ganzen Pool von mächtigen G4s stehen, und ich konnte mich jederzeit dort einloggen und losarbeiten. Meinen PC hatte ich zwar mit, nutze ihn aber nie. Die Macs liefen einfach. Ohne Abstürze, ohne Murren. Und es machte richtig Spaß sie zu benutzen. Das Installieren war einfach. Das Verwalten des Dateisystems machte mehr Spaß als am PC. Und spätestens nachdem ich meinen 12" Powerbook bekam, war ich dem Mac OS verfallen. Ich habe mich dem Betriebssystem hingegeben und wußte: wenn irgendwas mächtig kaputt gehen könnte - ich könnte es nicht reparieren. Ich habe keine Ahnung vom Unix-ähnlichen Darvin, auf dem das Mac OS basiert. Aber ich muß es auch nicht. Das Betriebssystem läuft und läuft und läuft.

Und neulich setzte Apple noch einen drauf. Für die wenigen, aber häufig gebrauchten Anwendungen wie Surfen, E-Mail usw. kam das iPad. Mit einem Betriebssystem, das sich ganz zurücknimmt. Wenn ich zwischen durch was auf der Karte nachgucke, in den Kalender schaue und noch ein Bahnticket buche, brauche ich mich mit dem Betriebssystem nicht zu befassen.

Das Computer-Betriebssystem ist in der Simplexität angekommen.


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2010-11-18

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