Die Simplexifizierung des Autos

Die Welt der Technik, scheint mir, folgt einem Evolutionspfad, dem Pfad der Simplexität. Die Technik startet als Maschine, entwickelt sich zum Nutzgerät und geht über in ein Wohlfühlprodukt. Hier mein erstes Beispiel: das Auto.

Das Auto als Maschine

In der Sovietunion waren Autos vor allem eins: Maschinen. Sogar das russische umgangssprachliche Wort für ein Auto ist "Maschina". Sie rochen nach Benzin, waren aus Metall und Schmieröl. Diese Autos waren simpel aufgebaut, verständlich und robust. Sie konnten mit einem Satz Schlüssel und einem Hammer vollständig auseinander- und wieder zusammengebaut werden. Was jeder Autobesitzer auch dauernd machen musste. Werkstätten schien es nicht zu geben, so war jeder ein Automechaniker, wenn er zu den wenigen stolzen Autobesitzern der Sovietunion zählte.

Ich erinnere mich gut an eine Bauanleitung vom Volga meines Großvaters, in der durch Explosionszeichnungen jedes Schräubchen beschrieben wurde. Das Buch verschlang ich genauso wie ich gierig dabei Zusah, wie in der Garage Räder, Zündkerzen und Motorkolben ausgewechselt wurden. Ich lachte mit, wenn mein Onkel aus versehen Benzin in den Mund bekam, während er versuchte durch einen Schlauch den Benzintank zu leeren. Mit neun durfte ich den Volga im Feld fahren, worauf ich mächtig stolz war, kaum an die Pedalen ran kommend.

Das Auto als Nutzgerät

In Deutschlang angekommen hielt die Faszination über Autos anfänglich noch etwas an, ebbte aber schnell ab und erlosch schließlich ganz. Hier wurde nicht in jeder Garage am Auto geschraubt, und keiner außer den KfZ-Mechanikern schien sich mit den Dingern auszukennen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Verwandten, der kurz davor einen recht neuen Japaner kaufte und Schulter hochziehend erklärte, in dem Ding sei so viel Elektronik, dass er an den Motor gar nicht dran käme, geschweige denn ihn reparieren zu können.

Wir hatten recht schnell unser erstes Auto, weil meine Eltern zur Arbeit kommen mussten. Dieses "Von A nach B kommen" wurde zum Tenor für alle Fahrzeuge der nächsten Jahre. Meine Familie hatte weder das Geld noch sonderlich Lust, mehr für einen Wagen auszugeben, als unbedingt nötig, und während die Freude am Schrauben erlosch, machte sich ein sehr rationales Verhältnis zu den großen Kisten breit, die teuer waren und für die man dauernd Geld ausgeben musste.

So schienen mir die Nachbarn, die jeden Sonntag ihren Wagen wuschen, eher befremdlich. Ich konnte ihre emotionale Bindung zu den Dingern zwar nicht nachvollziehen, wohl aber daraus ein Geschäft machen, indem ich ihnen anbot, ihre Autos für kleines Geld zu waschen. Meine Karriere als Autowäscher endete allerdings abrupt, nachdem ich einen Wagen besonders sauber kriegen wollte und dafür eine Scheuerbürste nahm.

Das Auto als Wohlfühlprodukt

Nach ca. 10 Jahren Auto-Abszinenz wurde @S schwanger und uns schnell klar: wir brauchen einen Wagen. Zugfahrten mit Taschen über Taschen voll Windelzeug und Klamotten war eben so eine unangenehme Vorstellung wie das Warten an Bahnhöfen nach einem verpassten Anschlusszug, während das Baby schreit, weil es gleichzeitig Hunger hat, schlafen will und die Hose voll hat.

Die Entscheidung fiel auf den A4. Die Technologie des Fahrzeugs ist für mich viel zu komplex zu verstehen, und das habe ich auch gar nicht vor. Ich genieße es, dass das Auto leicht zu bedienen ist. Es fährt sanft und doch stark. Dabei schnurrt es leie wie ein ausgewachsenes Raubtier, das sich über ein wenig Auslauf freut. Ich kann nicht viel ein- oder anstellen an dem Fahrzeug. Selbst das Schalten übernimmt die Automatik für mich.

Ab und zu leuchtet eine Lampe im Cockpit auf, die mir sagt: fahre sofort zur Werkstatt und gib dort Geld aus. Ich füge mich widerstandslos. Die Lampe weiß besser, als ich, wie es dem Wagen geht, und der Werkstattmeister schließt dann einen Computer an den Wagen, damit dieser mit dem Wagen-Computer ein Pläuschchen hält, wie es um die Gesundheit steht. Ein paar Tage Kontoabbuchungen später läuft der Wagen wieder schnurrend und ich erfreue mich daran.

Das Auto ist in der Simplexität angekommen.


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2010-11-18

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