Sehnsucht nach digitaler Heimat

2010-07-16

In der Vergangenheit begegnete mir der Begriff "Heimat" in der Regel im Kontext meiner eigenen Vergangenheit und der meiner Freunde (Etwa bei den Austauschstudenten in Dänemark: "Ich habe Heimweh").

Im Buch "Seelenleben" von Till Basitan stieß ich neulich auf einen interessanten Ansatz, welche Heimat ein Mensch generell, unabhängig von seinem soziokulturellen Hintergrund, haben kann - eine Heimat, die der Seele gut tut. Darauf komme ich nachher zu sprechen.

In letzter Zeit beobachte ich Ben dabei, wie er sich zielstrebig von komplexen digitalen Systemen löst und was ihn antreibt. Und ich frage mich, ob es nicht eine Parallele zwischen der seelischen Heimat und dem ist, worauf Ben hinaus will. Vielleicht steht am Ende also eine digitale Dimension der Heimat?

Der Durchmarsch der Simplexität

Mit neuen Geräten und neuen Systemen wird es scheinbar immer einfacher, in den Genuss reichhaltiger Erlebnisse zu kommen. Wir müssen uns immer weniger Gedanken um das "wie" machen, sondern wählen das "was" aus, zahlen ggf. ein paar Cent, und schon steht das Erlebnis für uns bereit.

Ein Beispiel ist das Musikhören über Apple. Ich gehe in den iTunes-Store, wähle ein Album aus, drücke auf "kaufen", und schon wird der Rest für mich erledigt, damit ich die Musik in wenigen Augenblicken genießen kann. Die Stücke werden auf das iPod geladen, wo sie geordnet und mit hübschen Cover-Bildern versehen sind. Das iPod zu bedienen ist eine Freude, dieses Gleiten durch die Alben, und dann wird die Musik auch schon abgespielt. Schön. Einfach. Einfach schön. Ein Genuss.

Ein anderes Beispiel ist Facebook. Noch nie war es einfacher, ein Erlebnis mit seinen Freunden zu teilen. Facebook auf, sofort die Zeile "Habe eben Til Schweiger auf der Straße getroffen" getippt und das Foto angehängt, schon wissen meine Freunde bescheid und überschütten mich mit Aufmerksamkeit.

Die heutigen Systeme, die solchen Genuss ermöglichen, sind bei weitem nicht einfach, sondern hoch komplex. Die Komplexität wird allerdings vom Benutzer auf die Software, die Redakteure und Administratoren übertragen. Diese Stufe der Evolution ist die letzte in dem Spruch, der üblicher weise Antoine de St.Exupéry zugeschrieben wird:

Technologie entwickelt sich immer vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.

Im Fachjargon nennen wir dieses "Einfache" die Simplexität. Die Freude und Einfachheit der Benutzung ist dabei eines der zentralen Ziele. Und die Disziplin, die sich darum kümmert, heißt User Experience Design, also die Gestaltung von (tollen) Erlebnissen beim Nutzen eines Produktes, Services, einer Website usw.. User Experience Design ist Teil meines derzeitigen Jobs.

Der Preis der Simplexität

Diese einfachen Systeme haben, zumindest in ihrer heutigen Architektur, meist einen Preis.

Erstens besteht für den Nutzer der Preis darin, langfristig an das System gebunden zu sein, weil er seine Daten nicht mehr heraus bekommt.

Am Beispiel von Apples iTunes sind die Musikstücke teilweise DRM-verschlüsselt, also nicht auf jedem Gerät abspielbar. Und selbst wenn, kommt man nicht an die Dateien, ohne zu recherchieren, wo und in welcher Struktur die Musikdateien überhaupt abgelegt werden. Das hat für den Otto-Normalverbraucher zur Konsequenz, dass er an iTunes gebunden ist. Wenn der Rechner kaputt geht und man die Musik aus dem iPod bekommen möchte, geht das meines Wissens nach gar nicht. Apple-Kritiker sagen deshalb nicht zu unrecht: Es ist teuer, zu Apple zu wechseln, und noch wesentlich teurer, von Apple wieder loszukommen.

Schlimmer noch verhält es sich mit Facebook. Jegliche Inhalte, also Statusmeldungen, Kommentare, Fotos, aber auch die aufgebauten Beziehungen zu anderen Menschen sowie Gruppen lassen sich nicht aus Facebook exportieren. Das könnte der Mehrheit der Nutzer egal sein, wenn die Kommunikation unwichtig ist. Meine Freunde, die Lehrer geworden sind, wissen, wie unangenehm z.B. Fotos von früheren Studentenparties sein können, wenn sie erst einmal von den Schülern gefunden werden. Aber auch in alten Konversationen nachzugucken ist des ein oder anderen Wunsch. Nun könnte man sagen "Facebook wird's doch immer geben", wenn es nicht mit dem Dichtmachen von AOL Beispiele in der Branche geben würde, die die Vergänglichkeit von einzelnen Plattformen bezeugen.

Zweitens kommt hinzu, dass man die Software, die Inhalte, also die Musik oder die Konversationen verwaltet, pflegen und weiterentwickeln will und muss. Für iTunes-Nutzer mündet das in kontinuierlichen Updates, ohne die die Songs u.U. nicht mehr abspielbar sind. Bei Facebook kann es dazu führen, dass Inhalte ganz oder teilweise nicht mehr erreichbar sind, wenn das Unternehmen aus Mangel an Ressourcen die Plattform nicht mehr weiterentwickelt oder ganz einstellt. Dem Gesetz der Entropie folgend, beanspruchen immer komplexere Systeme auch einen exponentiell wachsenden Aufwand an Kraft (sprich Manpower und Geld), um sie "in Ordnung" zu halten.

Mein jüngstes Beispiel ist das neue Betriebssystem für das iPhone, das iOS 4. Es ist für das neueste iPhone 4 gemacht und verlangt seinen schnellen Prozessor. Auf meinem alten iPhone 3G läuft es aber qäulend langsam. Trotzdem war ich gezwungen das Update auf iOS 4 zu machen, und kann nun noch nicht einmal wieder das alte drauf spielen.

Die Frage, die man sich stellen kann ist: Will ich diese Abhängigkeit?

Seelische Heimat

Der Genuss der Erlebnisse ist demnach unter Umständen eher kurzfristiger Natur, bei dem man als Konsument von anderen abhängig ist und die Abhängigkeit sich immer wieder erneuert. In der Psychologie wird darüber z.B. folgendes gesagt:

Das postmoderne Individuum ist ruhelos und getrieben von der endlosen Suche nach Anerkennung und Selbstachtung und von der Suche nach Mitteln und Lehrern zur Verstärkung, Vertiefung und Intensivierung der Gefühle, die bedingt ist durch seinen steigenden Appetit nach immer intensiveren Erfahrungen und immer neuen Erlebnissen. Es leidet an einem chronischen Mangel an Ressourcen zum Aufbau dauerhafter Identität."
— Scharsad Amiri, "Narzissmus im Zivilisationsprozess"

So kommt es, dass wir Dinge konsumieren und der Aufmerksamkeit anderer Menschen nachjagen.

Dem entgegengesetzt steht das Konzept der Heimat. Heimat wird in dem Buch "Seelenleben" als etwas beschrieben, auf das wir uns immer wieder zurückberufen, zurückziehen können. Dies ist unabdingbar, wenn man seelisch gesund sein will. Interessanter weise ist es weder der Ort, in dem man aufwuchs, noch der Freundeskreis. Um einen Rückzugsort und einen Ankerpunkt zu haben, auf den man sich zu jeder Zeit und in jeder seelischen Verfassung zurückberufen kann, muss es auch etwas sein, das von anderen Menschen und von Dingen unabhängig ist.

Der Autor Till Bastian kommt zu dem Schluss, dass es nur der eigene Körper und die Natur sein können. Leider muss man sich beide erst zur eigenen Heimat machen. Man muss sowohl den Körper als auch die Natur erst einmal kennenlernen, was ohne Anstrengung nicht möglich ist. Ob autogenes Training, Yoga oder andere Wege, erst die Mühe führt zur Kenntnis und Verbundenheit zu beiden und hilft so, nachhaltig freudig und gesund zu leben.

Die "Mittel zur Verstärkung" im ruhelosen Konsumieren sind in der Regel Technologien, mit denen wir uns immer mehr umgeben und somit eine immer weitere Distanz zwischen uns Menschen, dem direkten Kontakt zu anderen Menschen und der Natur aufbauen.

Digitale Heimat

Wenn wir nun den digitalen Aspekt unseres Lebens betrachten, was wäre das Äquivalent zur allgemeinen seelischen Heimat? Wie errichtet man sich einen Rückzugsort, der immer (oder zumindest einen Großteil seines Lebens) verfügbar ist? Ben führt hier den Begriff der digitalen Nachhaltigkeit ein.

Nachhaltiges Agieren im digitalen Raum beruht auf folgenden Prinzipien:

  1. Mein Inhalt ist mein Inhalt. Das bedeutet, dass jegliche Inhalte, die ich entweder erstanden oder selbst erstellt habe, sich in meiner Hand und unter meiner Kontrolle befinden, jederzeit.
  2. So wenig Code zwischen mir und meinem Inhalt wie möglich. Jede Zeile Code mehr, die den Benutzer/Besitzer von seinem Inhalt trennt, will aktualisiert, überarbeitet, umgeschrieben, werden. Wie bereits beschrieben wächst hier die Komplexität exponentiell.
  3. Verschlichtere Dich Man verzichtet freiwillig auf Komfort oder komplexe Technik, und begnügt sich mit wenigen Funktionen, ohne die man gar nicht auskommen würde.

Daraus ergeben sich in Konsequenz folgende Aspekte, die die Software und den Umgang mit Inhalten diktieren:

  • Offene Standards als Basis Damit die Inhalte auch ferner Zukunft lesbar sind, setzt man beim Speichern, Aufbewahren und "abspielen" auf Standards, von denen man jetzt ausgeht, dass sie noch lange Bestand haben. (Natürlich kann einem das keiner versichern).
  • So simple Systeme wie möglich Programmatisch gesehen sollte nach Möglichkeit erst gar keine Logik (also kein programmierter Code) zwischen den Daten und dem Nutzer/Besitzer stehen. Und wenn, dann so wenig wie möglich. Das hat zur Konsequenz, dass man als Nutzer/Besitzer ganz genau abwägen muss, welche Funktionen man - etwa zum Aspielen der Musik - überhaupt wirklich braucht. Braucht man wirklich Ranking-basierte Playlists? Braucht man eine Filterung nach Genre? Oder genügt nicht auch das einfache Abspielen eines Albums?
  • Dateien als simpelste Speicherform Betrachtet man die oberen Aspekte, drängt sich die Frage auf, ob man nicht den Großteil der Speicherung und Verwaltung von Inhalten über standardisierte Dateien erledigen kann. Diesen Ansatz versucht Ben gerade konsequent zu verfolgen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass geordnete Dateien bei mir bis jetzt am besten überlebt haben, sei es bei Musik, bei Fotos oder bei Druckdaten von Designarbeiten.

Wenn ich nun diese digitale Nachhaltigkeit vergleiche mit den Prinzipien der seelischen Heimat, werden da durchaus Parallelen sichtbar. Immer einen Zugriff zu den eigenen Daten zu haben, so wenig Technologie wie möglich zwischen sich und seinen Daten zu haben, nicht abhängig zu sein von (fremden) Systemen und anderen Entwicklern, das kann in der Tat auch der Seele gut tun.

Und noch eine weitere Gemeinsamkeit ergibt sich. Nehmen wir an, dass ich keine komplexen Systeme mit hervorragender Simplexität nutze, sondern so nahe an den Daten wie möglich "arbeite" (sprich, beim Bloggen z.B. direkt den HTML-Code schreibe, der auch direkt vom Browser verstanden und der Inhalt somit ohne weiteren Code sofort angezeigt wird). Dann werde ich initial lernen müssen, wie man HTML schreibt, und wie man Dateien verwaltet, und welche Standards man nutzen sollte usw. Das heißt, ich investiere erst einmal Mühe, bevor ich bei der "digitalen Heimat" ankomme. Parallel dazu muss ich Mühe investieren, um in der seelischen Heimat anzukommen, in dem ich den Körper und die Natur erst kennenlernen muss.

Vielleicht ist es also kein Zufall, dass Ben sein zukünftiges, einfaches Blogsystem "Heimweh" genannt hat.

Mein ambivalentes Leben

Auch wenn Marshall McLuhans Satz "Das Medium ist dei Botschaft" etwas anders gemeint war, mache ich häufig die Erfahrung, dass ein bestimmter Inhalt nicht ohne das zugehörige System funktioniert oder zumindest seine Charakteristika verliert. Ein einfaches Beispiel sind die grafischen Arbeiten im Design. Sie lassen sich zwar als druckbares PDF "kompilieren", aber das PDF kann man nicht mehr verändern. Die Rohdaten aber hängen am Programm: wenn ich heute nur noch InDesign nutze, sind meine früheren Freehand-Dateien unbrauchbar. Andererseits komme ich ohne ein Layout-Programm nicht aus, weil erst dieses es mir ermöglicht, das Layout, also die Gestaltung, zu machen. Ein einfacher Text würde zwar die Worte, aber nicht die Anmutung und somit nur einen sehr geringen Teil der Botschaft wiedergeben.

Ähnlich verhält es sich, wenn ich an konnexus.net denke. Die ständig aktuell gehaltenen Zusatzinformationen zu einem Artikel gehören ebenso als "Inhalt" zum Artikel wie der Artikeltext selbst. Würde konnexus.net nur die reinen Artikeltexte anzeigen, wäre die Botschaft schon in sofern eine ganz andere, als dass ich mich häufig auf Themenbeschreibungen verlasse und im Text nicht explizit darauf eingehe. Fallen die Themen weg, versteht man die Artikeltexte nicht mehr richtig.

Wenn ich generell meine Nutzung der digitalen Dinge und Daten betrachte, gehe ich durchaus den Deal ein, simplexe Systeme zu nutzen und dafür die Daten nicht völlig unter Kontrolle zu haben.

  • Ich nutze iTunes, da ich auch das iPhone, iPad und iPod nutze. Ich weiß inzwischen, wie iTunes Lieder verwaltet und wie man sie im Standard-MP3-Format hält. D.h. ich kann auf die Daten zurückgreifen, wenn ich sie "exportieren" will. Sie sind also als Dateien da.
  • Ich nutze Facebook, aber nicht wirklich als Konversationsplattform, sondern eher als Sprachrohr. Ich werden icht viel verlieren, wenn Facebook untergeht, da meine Inhalte im konnexus.net sind.

Als Nicht-Entwickler ist es mir willkommen, dass sich einer um Nutzerfreundlichkeit und Freude am Nutzen den Kopf zerbricht. Dafür nehme ich auch Updates in Kauf. Schließlich nutze ich bei konnexus.net ja auch Drupal, bei dem ich auch nur rudimentär durchblicke.

Dann ist da noch die Frage, ob Dateien wirklich Menschen-gerecht sind. Ob es unserer Natur entspricht, Dateien zu verwalten, vor allem in Ordnern, darüber streiten sich die Experten wie Jef Raskin. Es gibt auch gute Gründe für Gegenentwürfe, die mir sehr charmant sind. Und nicht ohne Grund liebe ich als Werkzeug das iPad, weil ich dort eben keine Dateien verwalten muss. Ob da Jef Raskin nicht inoffizieller Vater des iPad-Interfacekonzeptes war?

Fazit

Was ich mir von der Zukunft erhoffe sind Systeme, die einerseits auf dem Konzept der Simplexität aufgebaut sind, andererseits als Kern die Prinzipien der digitalen Nachhaltigkeit beherzigen. Zeit Online zum Beispiel hat ihre ganzen Daten als für den Menschen lesbares XML gespeichert (das dem HTML sehr verwandt ist), und sollten die Redaktionsoberflächen völlig anders werden, kann man die Artikel immer noch prima nutzen. Apple wird Probleme haben, damit ein ähnlich starkes Businessmodell aufzustellen. Andererseits belebt die Konkurrenz das Geschäft. Was tatsächlich die digitale Heimat ist, wird noch definiert werden.

Und das Gute daran: Kraft meines Amtes liegt es in meiner Macht, auf digitale Nachhaltigkeit hinzuarbeiten, ohne dabei auf User Experience und Simplexität zu verzichten.

Was gibt es Schöneres, als die Welt verändern zu können? Da freue ich mich über Bens Imperativ:

Es wird Zeit, heimzugehen.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.