Eine lanze für das Semantic Weblog brechen

Jetzt muss ich für das Semantic Weblog eine lanze brechen. konnexus.net wäre ohne diesen ansatz nur ein blog. So ist es ein blog und ein lexikon.

ben_ ist währenddessen drüben auf anmutunddemut dabei, mit einem spartanischen blog-system seinem Semantic Weblog-ansatz den rücken zu kehren komplett manuell aufzubauen. Es wird zeit für eine revision.

ben_ kommentiert:

Ich sags nur ungern. Aber bis jetzt sind die meisten der Hoffnungen, die ich ins Semantic Weblog gesetzt habe enttäuscht worden. [...] Bis jetzt habe ich praktisch nicht einen Lexikon-Artikel [=topic-definition] mit Text drin. [...] Bis jetzt sind es reine Tag-Seiten. Und entgegen Konnexus' Einwand, bezweifele ich den wahren Nutzen solcher Listen. [...] Und was die semantischen Relationen angeht: Ich stecke schon seit einem halben Jahr beim Buchstaben G fest. 2000 Relationen sind da, fehlen noch geschätzte 6.000 Relationen.

ben_ hat natürlich den überblick über sein blog, und wenn er sagt, dass er seine schlagworte so gut wie nie nutzt, dann ist es wohl so.

Bei konnexus.net ist das gegenteil der fall. Topics - und deren verknüpfung - sind hier essenziell. Warum?

Semantic Weblog auf konnexus.net

Schlagworte/topics und ihre simplen URLs Zunächst ist die verschlagwortung essenziell für mein tägliches netz-leben: bloggen und lesen und recherchieren. Durch die simple URL-syntax konnexus.net/topic habe ich im nu die artikel/bookmarks wiedergefunden.

Manche topics sind zu ressorts geworden. konnexus.net/adrian ist das beste beispiel. Das ist nicht nur für mich praktisch, sondern wird von meinen freunden und verwandten ebensogern benutzt. Funktioniert aber genauso gut mit /ux oder /fun.

Hier kommen wir zum nächsten vorteil. Man kann die topics sehr einfach kommunizieren. Mündlich, per twitter, per facebook, in emails, auf bierdeckeln. "guck mal unter /lego nach".

Neulich meinte ein freund zu mir "lass mich raten, die artikel zur küchenkarte finde ich unter kitchenmap". So ist es. Es funktioniert, weil das prinzip so simpel ist. Wären die topic-urls auf deutsch, wäre es sogar noch einfacher.

Topic-definitionen und topic-relationen Zu den relationen zwischen topics und den topic-beschreibungen kriege ich immer wieder feedback von leuten, die ich sonst nicht kenne/kannte, dass sie sich einen prima überblick über konnexus.net machen können. Dabei habe ich nur einen bruchteil der topics "angereichert", aber es sind welche, die mir wichtig sind. Das ist völlig OK. Und immer wieder kommen neue dazu.

Außerdem kommen mir die topic-definitionen immer wieder beim artikel-schreiben zugute. Ich kann sie durch apostillen auf eine einfache weise ins layout einbinden. Einerseits könnte man sagen "ein link hätte doch auch gereicht". Richtig, aber es ist bequemer für den leser, mal eben die definition am rande zu überfliegen.

Unter dem artikel werden die topic-definitionen ebenfalls beschrieben, mit den neuesten artikeln dazu, und ganz ohne mein zutun. Das nenne ich den topicfooter. Statistik-auswertungen zeigen, dass so immer wieder von artikel zu artikel navigiert wird. Wunderbar, selbst viele leser diese beschreibungen nicht nutzen.

Das konnexus-lexikon, also eine übersicht aller topics, halte ich nach wie vor für eine gute idee. Nur dass ich nicht dazu komme es zu ende zu layouten und zu programmieren.

Die relationen nutze ich noch in einem anderen fall, nämlich bei der schlagwort-suche. Wenn ich nicht mehr weiß, ob das unter "visuelles design" oder "kommunikationsdesign" liegt, suche ich im übergeordneten begriff, also "design". Klappt wunderbar (auch wenn ich es nicht oft brauche).

Semantic Weblog auf anmut und demut.

Warum also nenne ich das Semantic Weblog bei konnexus.net einen erfolg, wenn ben_ es auf anmutunddemut nicht schätzt? Ich denke, das hat zum einen informationsarchitektonische gründe, zum anderen einen zu hohen anspruch, allumfassend zu sein.

Zunächst zum anspruch. ben_ hatte vor, seine tausenden von schlagworten alle mit relationen und definitionen zu versehen. Als ich das las, bin ich vom stuhl hinten rübergekippt. Das ist wahnsinnige arbeit, die meiner meinung nach relativ wenig nutzen bringt.

Ich halte es mit konnexus.net so: die schlagworte, die mir wichtig sind, die mir am herzen liegen, die kriegen zuwendung. Beschreibung, bild, relationen mache ich dann. Alle anderen werden für das Semantic Weblog nicht beachtet. Sie sind nichtsdestotrotz wichtig. Wenn ich ein video bei vimeo gesehen habe und noch weiß, dass vimeo die plattform ist, werde ich das video schnell finden. Aber vimeo interessiert mich als Thema überhaupt nicht.

Zusammengefasst:

  1. Ich beschreibe nur topics, die mir wichtig sind.
  2. Und ich beschreibe sie inkrementell, nicht allumfassend und nicht auf einmal. Mein lexikon wächst also organisch. So hab ich wenig arbeit, und meine neuen besucher kriegen vor allem die themen mit, die mich am meisten interessieren.

Dagegen steht/stand ben_s anspruch, sämtliche schlagworte auf einmal beschreiben zu wollen. Sowas ist in der regel zum tode verurteilt, es sei denn man ist online-redakteur und wird dafür bezahlt.

User experience/informationsarchitektur ben_ hat eine wunderbare einleitung, worum es in seinem blog geht. Sie findet sich unten auf der startseite. Dort sind seine fünf themen beschrieben mit links zu den jeweiligen schlagwort-übersichtsseiten. Soweit so gut. Nehmen wir mal an, einer findet anmutunddemut durch verlinkung auf einen artikel und/oder übersieht die einleitung. Wie bekommt er beiläufig mit, was bei anmutundemut sonst passiert? Nicht über schlagworte. Nicht über topic-relationen. Nicht über topic-definitionen.

Die schlagworte sind bei anmutunddemut im register untergebracht. Dort sind sie schön ordenlich aufgelistet, was praktisch ist für das auffinden eines bestimmten schlagwortes. Wenn ich mir aber einen überblick über ben_s themen verschaffen will, ist das nicht der richtige ort. Bei der fülle an schlagworten sieht man den wald vor lauter bäumen nicht. Abgesehen davon muss ich erstmal verstehen, dass sich hinter dem register die schlagworte verstecken, und nicht z.b. die registrierung.

Darüber hinaus sind schlagworte unscheinbar unter dem artikel hinterlegt. Da muss man sich für ein schlagwort schon interessieren, um es zu finden.

D.h. selbst wenn ben_ tolle topic-definitionen geschrieben hätte - es hätte sie beim jetzigen anmutunddemut keiner so einfach zu gesicht bekommen, genauso wie die relationen.

Wie geht es weiter mit Semantic Weblog?

Bei mir auf konnexus.net werde ich den ansatz soweit wie möglich weiter verfolgen. Wie oben schon gesagt: ohne SW wäre konnexus.net nur ein blog. So ist es ein blog und ein lexikon. So ist es strom + archiv. So macht es für mich sinn. So ist es mehr als die summe seiner teile. Für mich ist der mehraufwand für die pflege der semantik kaum der rede wert, wenn nicht sogar eine arbeitserleichterung (s. topic-definitionen an artikeln).

Auf der anderen seite kann man auch nüchtern sagen: kann gut sein, dass für die meisten meiner leser großer verlust entstünde, wenn nur das blog übrig bliebe.

Sollte ben_ sein blog umstellen auf eine spartanische statische variante, werde ich die schlagworte bei ihm sehr vermissen. Nicht nur seines registers wegen, sondern weil man über schlagworte blogübergreifend artikel austauschen kann. Aber das ist eine andere geschichte.

Was denkt ihr? Ist mein Semantic Weblog hier vertane liebesmühe? Bringt es euch was? Und wenn ja, welcher teil davon? Für feedback bin ich dankbar.


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2010-05-26

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