Ein Monat mentaler Weißraum

2010-07-13

Vor genau einem Monat startete ich mein Experiment zum mentalen Weißraum. Das Apollo-Programm, wie ben_ es genannt hat, läuft und zeigt seine Wirkung. Bis jetzt sehr zu meiner Zufriedenheit.

Banal gesagt: während @A schläft, erst alles im Haushalt zu erledigen, dann sich einem Buch widmen - das ist wunderbar entspannend. Ich merke, wie sich die verspannten Schultern und der Rücken allmählich lockern. Und nicht nur das.

Was sich allmählich ändert:

  • Ich komme zur Ruhe. Die Hibbeligkeit, das Neueste wissen zu müssen, ist kleiner. Überhaupt werde ich entspannter und gelassener.
  • Ich komme mehr dazu, praktische Aufgaben für Lebensorganisation und Alltag zu erledigen.
  • Ich nehme die Umwelt wahr. Das gilt insbesondere für die Natur und Menschen, denen ich im Alltag begegne.
  • Meine Sinnesorgane schärfen sich. Ich höre besser, entfernter, feiner. Genauso mit dem Geruchs- und dem Geschmackssinn.
  • Mein Gedächtnis wird besser. Ich erinnere mich plötzlich wieder an Liedertexte, die ich mit 14 lernte und mit 18 vergaß. Ich brauche oft keinen Einkaufzettel mehr.
  • Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt. Das Leben in der Gegenwart ist sorgenfreier. Ich mache mir weniger Sorgen um Probleme, die wahrscheinlich gar nicht auftreten werden, und schleppe weniger Sorgen mit mir über Probleme, die schon längst gelöst wurden.
  • Mir fällt es leichter, über mittelfristige Pläne nachzudenken und dafür Entscheidungen zu treffen.
  • Ich komme zum Lesen, und beim Lesen voran (was schon ewig nicht mehr der Fall war)
  • Und ich erlebe oft das Gefühl, genau jetzt am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun.

Überraschenderweise hilft mir ausgerechnet das iPad (für die meisten ein Konsum-Gerät), Aufgaben im Netz schnell abzuhaken und das Netz wieder beiseite zu legen. Ich komme erst gar nicht in die Versuchung, auch mal eben da- und hierhin zu surfen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich dieses Gerät in die Hände bekam, als das Apollo-Programm schon lief, und sich also alte PC-Gewohnheiten nicht übertrugen.

Natürlich fehlt mir das Leben im Netz ein wenig. Ich denke auch, dass es mittelfristig Folgen haben wird, weil ich evtl. wichtige Entwicklungen im Netz nicht mehr mitbekomme. Ein wenig was kriege ich ja durch meine Freunde mit - das Wichtigste, hoffe ich.

Jedenfalls spricht wenig dagegen, erst einmal auf dem Mond zu bleiben.

Nur das Schreiben ins Netz, das fehlt mir, das fehlt mir sehr. Der Verzicht darauf ist aber auch nicht Teil des Apollo-Programms, sondern schlicht eine temporäre Umverteilung der körperlichen und geistigen Kapazitäten. Wird sich vielleicht wieder bessern, wenn @A mal wieder einen Wachstumssprung hinter sich hat.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.