Die digitale Stille

Die Netzgemeinde redet über die Vernetzung der Dinge und, daraus folgend, die Rückverfolgung all unserer Handlungen. Bestimmt kommt es so. Was uns einiges nehmen würde, glaube ich.

There is no question that the Internet of Things makes it easier and easier for us to learn from our actions. Many products provide customers with direct access to the information from which they can draw their own conclusions. Increasingly, these products will be bundled with services to perform more detailed analysis and deliver simple, actionable recommendations.

For example, most services that track athletic performance such as running collect data and report extensive information about current and past runs. Future services will take things further. Based on deeper analysis, these services will be able to set optimal diet and workout plans as well as provide real-time coaching based on your individual training goals and performance history.

Wenn ich mir das anhöre, habe ich den dringenden Wunsch auszusteigen. Es ist nicht so, dass ich keinen Spass an Gadgets hätte. Auch Datenanalyse und -Visualisierungen sind mir äußerst sympatisch, besonders wenn ich die Interfaces dazu machen darf. Aber es kommt mir unmenschlich vor, wenn man ständig von Systemen evaluiert und dadurch gelenkt wird. Wenn Du etwas misst, dann wirst Du es auch (unweigerlich) optimieren. Wenn Du etwas an Dir misst, wirst Du Dich in diese Richtung optimieren.

Ich erinnere mich an mein Jogging, mit und ohne Tracking. Anfänglich machte es Spass, sich hinterher die Auswertungen anzuschauen. Sie waren sogar aufschlussreich. Nach ein paar Wochen kam der Tag, an dem das iPhone nicht aufgeladen war und ich ohne Tracking joggen musste. Es war kurz nach 6 Uhr morgens, die Sonne ist gerade aufgestanden und wärmte sanft die Haut, während Laubbäume lange Schatten warfen. Der See war still. Selbst das Rauschen der Autobahn im Hintergrund schien sich diesmal harmonisch in den Morgen zu fügen. Warum bemerkte ich das alles auf einmal? Warum schienen mir die Tagesanfänge der letzten Wochen dagegen trist, bleich?

Diese plötzlich sich aufdrängende Frage formte eine zunächst dunkle Vorahnung. Ich begann zu experimentieren, auf das Tracking ganz oder teilweise zu verzichten. "Your average speed is xx kilomiters per hour." - all die Benachrichtigungen zwischendurch. Das periodische Schauen auf die Tracking-App. Ich bilde mir ein, dass es mich vom Augenblick wegreisst. Selbst das Wissen darum, dass der Lauf getrackt wird, gänzlich ohne auf das iPhone zu schauen. Selbst das Wissen um's Tracking verändert die Wahrnehmung des Augenblicks. Das Schweifen der Gedanken, die allmählich ruhiger werden und zu einer gewissen inneren Gelassenheit führen. Die intensive Wahrnehmung des Himmels.

Nun, es gab sie immer, diese Leute. Die behauptet haben, die Welt würde untergehen, wenn eine neue Technologie den Einzug ins Leben erhält. Das war beim geschriebenen Wort schon so. Und erst recht beim Buchdruck. Immer hat es das gegeben. Ich denke nicht, dass es eine Alternative ist, auf unsere Errungenschaften zu verzichten. Ich denke nur, dass wir die Wahl haben sollten, sich zumindest temporär von ihnen zu lösen. Tut es nicht gut, manchmal gänzlich auszustöpseln? Ich geniesse sie ab und zu, die digitale Stille.


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2012-09-17

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.