Der Berater

2011-09-04

Wir fuhren im fahrstuhl zur kundin. Meine Mentorin ist mit mir das bevorstehende Meeting durchgegangen. Ob wir alles beachtet hätten. Oder sie ist es gar nicht mit mir druchgegangen. Haben wir über Lausanne gesprochen? Haben wir über die Mentalität der Leute gesprochen? Ich glaube das Meeting ist schon so gut vorbereitet gewesen, wir waren schon so gut vorbereitet gewesen, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen mussten im Lift. Der Lift war eine kleine Plattform, kreisförmig, ca. 1,2 Meter im Durchmesser. Die Plattform sass direkt auf einem hydraulischen Kolben, der uns ins Dachgeschoss bringen sollte. Der Lift hatte keine Wände. Die Stockwerke hatten an der Stelle des Liftes auch keine Wände. Du wurdest wie auf einem Tablett nach oben befördert, während eine Stockwerk-Decke/Fussboden nach der anderen an dir vorbeiglitt.

Zwischendurch waren noch andere Leute im Fahrstuhl, glaube ich. Ich weiss es nicht mehr genau. Ich war in Gedanken konzentriert auf das bevorstehende Meeting. Meine Mentorin sass neben mir. Sie erzählte wie üblich etwas Seichtes, um die Spannung etwas zu lösen. Mit ihren ca. 35 Jahren ist sie schon weit gekommen. Sie hat die Beraterschule von der Pieke auf gelernt. Von Anfang an, soweit ich weiss. Weiss ich? Ich habe mich noch nie richtig mit ihr unterhalten über sie, merkte ich gerade. Sie war gut. Sie vermochte es, ihren Klienten zu dienen wie kein anderer. Ihnen die Wünsche von den Lippen abzulesen und zuvorzukommen. Ihr Charme liess sofort eine angenehme Arbeitsatmosphäre entstehen. Ich weiss gar nicht genau wie sie aussah. Nett, nicht zu hübsch. Mit Geschmack, aber nicht zu auffallend gekleidet. Ich hatte den Eindruck, jeder sah sie an und vergass sofort, dass es so etwas wie Aussehen oder Äusserlichkeiten gibt. Denn die stimmten sofort, und man ging zur Arbeit über. Sie war präsent und unsichtbar zugleich.

Der Lift glitt noch ein paar Etagen nach oben, nicht zu schnell. Wir standen. Das Haus ist höher als ich angenommen habe, dachte ich. Sind diese sanierten Bauten immer so? Zwischendurch ein paar schmuddeligere Stockwerke. Ich sah mir Stockwerk nach Stockwerk an, wie von einem Kuchentablett herunterschauend. Dann näherten wir uns wohl so langsam dem Dach. Das erste Stockwerk mit Dämmung und irgendwelchen Geräten der Hausinstallation. Das Zweite. Noch drei weitere solcher Stockwerke. So viele? Das hätte ich nicht gedacht. Überhaupt ist das haus so viel höher. Habe ich es mir von Aussen angeguckt? Ich kann mich nicht erinnern, war wohl zu sehr in Gedanken bei dem bevorstehenden Meeting.

Dann kam ihr Stockwerk, das Stockwerk der Klientin. Das letzte. Sie wohnte ganz oben, unter dem Dach. Ein Loft? Natürlich musste es das letzte sein. Schliesslich machte sie etwas mit Kunst. Atelier mit viel Licht und so. Ob sie bei ihrem Reichtum wirklich noch was Produktives machte? Sollte mir das egal sein? Als wir anfuhren war sie schon in der Nähe und erwartete uns.

Es lief gut. Die Klientin schien zufrieden, sogar angetan. Meine Mentorin liess mich machen, griff nur ab und zu ein und korrigierte leicht die Richtung des Gesprächs. Sie machte den Eindruck, als wäre sie zufrieden mit mir, sogar stolz. Der Stolz war sicher gespielt, aber dennoch, nett. Ich war in meinem Element. Ich glaube ich war ein guter Schüler, mit meinen 23 Jahren. Ich meine, in unserer Agentur musste jeder gut sein, sonst wäre er nicht dabei. Trotzdem. Ein Punkt nach dem anderen, den wir abhakten. Fast würde ich sagen, dass die Klientin sich eigentlich nicht dafür zu interessieren schien. Sie vertraute uns wohl, dass wir den Job wohl sowieso gut machen werden. Wie alt mochte sie sein? Knapp über fünfzig? Noch recht gut erhaltene Figur, ohne das zu sehr nach aussen zu tragen. Ihr gesicht hatte etwas Gütiges.

Ich war charmant. Die Klientin schien es zu geniessen, und verheimlichte das nicht. Was wiederum meine Mentorin gut stimmte. Die Mentorin sah aus als ob sie sagen wollte: Gut. Übertreibe nicht, und es wird dir eine gute Waffe sein. Ja, das spürte ich. Und ich genoss es. Fast musste ich mich konzentrieren, nicht innerlich zu sehr in Selbstzufriedenheit zu schwelgen, und dabei den inhaltlichen Faden zu verlieren. Eitelkeit war schon immer meine Schwäche.

Da war etwas im Ausdruck der Klientin. Sie schien mich zu mögen. Nicht nur meine beraterischen Fähigkeiten. Nicht nur mein Benehmen. Sie schaute mich an und es wäre, als wollte sie in mich hinein blicken. Und fragen: wer bist du? Nicht als Eindringling, sondern als Freund. Vielleicht fast mütterlich. Als ob sie durch meine Fassade hindurchblicken wollte. Tat sie mir einen Gefallen, zum Charme zu lächeln und zu den Thesen zu nicken? Sie mochte mich. Warum? Und, wenn ich die Fassade wegnahm, könnte ich ihr beantworten, wer ich war? Dieser Gedanke irritierte mich, ich kam ein wenig vom Thema ab. Die Mentorin fing den Patzer auf.

Der Abschied. Zeremonien waren wie eine Meditationsübung in unserer Branche. Man gab sich ihnen hin, vollführte sie mit müheloser Perfektion und genoss gemeinsam das gelungene Erlebnis. Die Klientin griff nach hinten und hielt etwas in der Hand. Nicht wirklich im Standard-Ritual, aber sie machte es so selbstverständlich und natürlich, es war also authentisch. In ihrer Hand also: ein Gedichtsband von Rilke. Rilke. Von ihm habe ich schon ein paar mal gehört. Gelesen habe ich ihn nie. Sie gab ihn mir. "Für Ihre freien Stunden", sagte sie. Wirklich nett von ihr. Sie schaute mir dabei direkt in die Augen. So, dass sie plötzlich meine ganze Präsenz einforderte. Das war jetzt auf beiläufig gespielt, aber war ihr wichtig, das wollte sie verstanden haben. Eine, zwei Sekunden war ihr blick so intensiv, es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Dann liess sie den Blick los. Das Ritual ging weiter. Die Gesten meiner Mentorin schienen mir plötzlich ein Hauch anders, daneben. Ich musste mich irren, meine Mentorin war perfekt, immer.

Wir sassen wieder auf dem Lift. Auf dem Weg nach unten. Ein paar Stockwerke tiefer stieg noch eine Person ein. Und dann ging's runter, richtig runter. Mit einer Geschwindigkeit, die mir den Atem nahm. Ich habe mich hingehockt, die anderen auch. Eine falsche Bewegung, und der ausgestreckte Arm wird von der nächsten Etagendecke abgehackt. Wer hat diese modernen, hippen Aufzüge eigentlich bewilligt?

"Du sollst nicht an die Mütter denken", sagte die Mentorin, "Konzentrier dich." Ich fragte mich, was die drei Mütter wohl jetzt machen werden. Wie werden sie handeln? Sie waren in die Ecke gedrängt, denn wir haben unseren Job gut gemacht. Es schien mir fast unreal, dass wir ihnen das antun. Wie hat die Klientin darauf reagiert? Sie schien traurig. Aber protestiert hat sie nicht. War das wirklich notwendig, was wir gerade in die Wege leiteten? "Woran soll ich sonst denken?", fragte ich. "Das sind Bewohner. Stadtbewohner. So wie Tausende andere. Führe dir diese Masse vor Augen." Ich führte sie mir vor augen. Die Masse hatte eine gewisse Monotonie. Und diese beruhigte mich wieder. Ich konnte mein Gleichgewicht nun wieder besser halten. Ja, es half, ich wurde wieder ruhiger. So erkannte ich mich wieder, ich, der Berater. Die drei Mütter schossen wieder vor mein inneres Auge. Ihre Babies schrien. Ich schaukelte plötzlich, fing mich auf. Gott sei Dank, das war knapp. Der Lift fiel fast nach unten, jede sekunde zwei Stockwerke. Waren wir also so hoch gewesen.

Auf meinem Schoss lag Rilke, noch ungelesen. Noch? Werde ich in diesem Buch tatsächlich lesen? Und dann war der Blick der Klientin wieder da. So intensiv. Plötzlich verstand ich, dass der Blick auch etwas ganz anderes sagte, während der ganzen Sitzung. Sie schaute mich an, und da war eine indirekte Traurigkeit. Ja, sie war traurig. Weil sie immer nur meine Fassade zu Gesicht bekommen wird. Weil sie nicht zu mir vordringen wird. Jeder Augenblick wurde kontrolliert von der Mentorin während der Klientenmeetings. Die Dame wird nie etwas sagen können, was mich aus meiner Bahn bringt, wird mir nie das Grausen nennen, das ich anstelle. Sie wird nie etwas sagen können, damit ich bei der Mentorin nicht abschmiere. Und die Mentorin wird mich solange nicht aus den augen lassen, bis ich konvertiert bin. Bis ich so bin wie alle Seniors in der Agentur. Sie nennen es "abgebrüht". Sie nennen es "pragmatisch". Sie nennen es "konsequent". Sich auf Massen konzentrieren beruhigt die Gefühle. Bis man in Monotonie erstarrt.

Ich verspürte plötzlich den unweigerlichen Drang, meinen kopf nach hinten aus der Lift-Plattform heraus zu lehnen. In Zeitlupe sah ich, wie er wie ein Kürbis aufplatzt beim Aufprall auf eine Etagendecke.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.