Blog-fixie

2010-05-29

In der regel reagiert unsere welt auf komplexität mit mehr komplexität. Das geht einher mit dem teufelskreis der featuritis, der viele unternehmen verfallen sind. Sprunghaft kommt dann immer wieder der drang nach drastischer vereinfachung. Dann steht wieder die frage im raum: was brauche ich eigentlich tatsächlich? Was ist das wesen des produktes/dings?

Fixie - reduce to the max

Ein einfaches beispiel ist die entwicklung der fahrräder. Mehr gänge, bequemere schaltung, radfederung, elaboriertere bremsen - plötzlich entsteht in dieser verfeinerungsspirale eine fixe idee. Es ist die idee des fixies. Ein fixie ist das archetypische fahrrad, und es ist kein deut mehr dran.

Was braucht ein fahrrad?

  • 2 räder, sonst kommt man nicht vorwärts
  • Lenker, sonst kann man nicht die richtung wechseln
  • Sitz, sonst kann man nicht sitzen
  • Pedale, da setzt der menschliche antrieb an
  • Verbindung zwischen den pedalen und einem rad, sonst bringt das treten nichts
  • Rahmen, der alles zusammenhält
Sogar bremsen braucht der fixie nicht, wenn man keinen leerlauf einbaut. Zum bremsen tritt man eben rückwärts. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig und nicht so effektiv, geht aber.

Das fixie vereint damit folgende eigenschaften in sich:

  • Es ist ultra-leicht. Technik wiegt, technikverzicht spart gewicht. Solch ein rad kann man mit einem finger locker heben, und entsprechend schnell beschläunigt es.
  • Es ist ultra-robust. Was soll daran kaputt gehen? Die kette springt nicht raus. Keine bremszüge reißen. Keine gangschaltung spinnt. Wenn etwas kaputt geht, ist es schnell repariert, weil simpel.
  • Es macht dich unabhängig. Man braucht keine experten, die einem das ding reparieren.
  • Es ist langlebig. Die technik wird nicht altern, weil es universalteile sind, die einen fixie ausmachen.
  • Es ist elegant. Kein schnickschnack. Es ist schlicht und es läuft. Form follows function in reinster form.

Blog-fixie

Nun liebäugelt der ben_ gerade damit, für sich einen blog-fixie zu bauen. Ein blog, das so schlicht und reduziert ist wie möglich. Und tatsächlich - was braucht ein blog schon?

  • Darstellung und speicherung der artikel-inhalte. Die zwei fliegen erschlägt man mit statischem HTML, und die kommen in ordner, zusammen mit Bildern etc., fertig.
  • Übersichtsseite + RSS-Feed über die neuesten artikel. Kann man zur not händisch schreiben. Wenn nicht, mit einem kleinen script, der über dateien drübergeht.
  • Kommentare schreiben und speichern. Wird schon kniffliger, kann man aber auch schlicht lösen, indem man sie z.b. in die artikel-dateien reinschreibt oder in den selben ordner als dateien ablegt, wo der artikel liegt.
  • Suche. Kann man über lokale such oder über suchmaschinen lösen. Dateien lassen sich nun mal wunderbar durchsuchen

Die vorteile eines solchen blogs sind dem fixie u.a. auch erstaunlich ähnlich:

  • Leichtigkeit
  • Robustheit
  • Unabhängigkeit
  • Langlebigkeit
  • Eleganz

Genial einfach - einfach genial?

Das konzept der schlichtheit ist auf den ersten blick sehr verlockend. Klar, man büßt vielleicht ein paar bequemlichkeits-features ein. Aber liegen die vorteile nicht auf der hand?

Nun, das ist alles eine frage des ziels.

Ein freund hat sich vor ein paar jahren einen fixie besorgt, als einer der ersten. Ein fixie war damals eine rarität. Voller euphorie erzählte der freund vom neuen fahrgefühl, von der unmittelbarkeit der straße. Er fühlte sich befreit vom sumpfigen luxus der technikvernarrtheit, beflügelt durch die leichtigkeit des geräts. Und er machte Köln auf einmal doppelt so oft unsicher mit seinem gefährt. Dann kam ihm unvermittelt eine frau zwei meter vor das vorderrad. Sie war mit einem auto bekleidet, und er hatte keine bremse. Sein gesicht hat die windschutzscheibe überlebt, das rad war schnell repariert. Nur fahren mochte er es in Köln nicht mehr so oft.

In russland dagegen gab es nur (fast-)fixies, nur nannte sie keiner so, sondern schlicht "fahrrad", und ein hype waren sie nicht. Hunderttausende von kilometern quer durch russland sind damit gefahren worden. Sie waren schwerer, hatten eine rücktrittbremse und schutzbleche, was bei russischem matsch äußerst praktisch war. Und sie waren nicht totzukriegen.

Wie bloggen?

Genau so stellt sich die frage: was hat ben_ mit seinem blog vor? Ist es "nur" das schreiben ins netz? Ich freue mich über seinen mut der radikalen verschlichterung, kann mir aber z. zt. nicht vorstellen, die gleiche schlichtheit einzusetzen. konnexus.net ist mehr als ein blog, und die vorteile des lexikons und des semantic weblog sind mir zu wichtig.

Und außerdem habe ich den traum des zuhörenden blogs.

Und der traum ist zum greifen nah. Technisch gesehen dürfte das gut machbar sein. Dafür aber brauchen die blogs APIs, um miteinander zu kommunizieren. Sie brauchen übersichtsseiten oder RSS-feeds für schlagworte. Sie brauchen mehr als statisches HTML. Nicht dass ich was dagegen hätte, artikel als statisches-html zu hinterlegen. Zeit Online ist das beste beispiel wie gut das funktioniert. Aber konnexus.net wird kein fixie werden.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.