Das Bergvolk der Postmoderne

2012-09-06

Es ist kurz nach Fünf in der Frühe. Dunkel. Unter dem Deckmantel der Nacht durchqueren wir das Baskenland. Die Autobahn bohrt sich durch die einst unbegehbaren, uneinnehmbaren Berge. Uneinnehmbar einst - wie leicht sie heute zu bezwingen sind.

Zwei, drei Stunden, dann werden wir durch sie durch und am Meer sein. Monoton schleichen kaum zu erkennende Bergzüge an uns vorbei. Dann ist die Monotonie zu Ende. Ein Unfall, eine Autobahnsperrung.

Wir müssen runter, werden auf eine Landstrasse geführt. "40" sagt die Landstrasse. Sie ist gut ausgebaut, und ich verstehe nicht ganz, wieso ich so langsam fahren soll. Und dann erkenne ich sie. Eine scharfe Kurve, und sie tauchen langsam und unaufhaltsam aus der Suppe der Nacht auf. Berge. Jetzt ganz anders. Als ob sie direkt vor mir hochgeschnellt wären, Kilometer hoch. Ich bücke mich nach vorn, blicke nach oben. Irgendwo oben verschwimmen sie wieder mit der Dunkelheit, ihre Spitzen nicht Preis gebend. So muss es damals gewesen sein, wenn man hier reiste. Kaum zu durchdringen. Klein, mickrig fühlt man sich dann. Die Berge wie Riesen, die einen stets im Auge behalten. Wehe Du machst was falsch. Wehe ein falscher Schritt.

Eine halbe Stunde voller Anspannung. Schliesslich werden wir wieder auf die Autobahn geführt. Good bye Serpentinen, hello Monotonie.

Diese Berge. Abgeschieden. Unter sich. Unnahbar. Früher haben sie jeden Angreifer daran gehindert, die Basken zu bezwingen. Heute fährst Du in wenigen Stunden durch die Berge durch. Irgendwas stimmt nicht mehr an meiner leichten Einstellung, dass sie früher abweisend, heute zahm sind.

Denn: Du bist nur Transit. Die Berge der Gegenwart lassen Dich passieren, aber sie erschliessen sich nicht für Dich. Du erfährst sie nicht. Sie verschliessen sich nach wie vor vor Dir, wenden sich ab. Du, der du auf der Schnellstrasse bist, bist ein vorbei huschender Passant. Du kommst und gehst. Und sie lassen Dich passieren, gnädig.

Was mich an die Basken denken lässt. Ein Bergvolk. Früher waren sie abgeschieden. Unter sich. Unnahbar. Und heute? Diese Unnahbarkeit, lebt sie nicht weiter? Du kannst zu ihnen kommen und Urlaub machen, Dein Geld hinterlassend. Sie werden Dich freundlich behandeln. Und ganz bestimmt nicht sofort offenen Herzens in ihre Mitte lassen. Du kommst und gehst, bist nur ein Passant. Sie werden hier sein und bleiben. Mit ihren Bergen eine Symbiose eingehend, wie ihre Väter, Grossväter und Urahnen.

Die Unnahbarkeit, sie hat sich nur verlagert. Vom Äusseren ins Innere. Ein Bergvolk bleibt ein Bergvolk, auch in der Postmoderne.

(cc-by-sa) since 2005 by Konstantin Weiss.